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Das Erdbeben von Lissabon 1755

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Das Erdbeben von Lissabon 1755



Programm

“Tout est bien”

3 Lissabonner Menuette
von Pedro António Avondano (1714 – 1782)

Oktett aus
A guerra de Alecrim e Mangerona
von António Teixeira (1707 – 1759)

aus “Candide” von Voltaire

Ein Erdbeben (1748) von Gregor Joseph Werner

“Der Zorn Gottes“

aus “Donnerode“ und Zweite Andacht aus “Der Tag des Gerichts“
Ein Singgedicht von Christian Wilhelm Alers, Musik von Georg Philipp Telemann (1681-1767)

Coro: Es rauscht
Recitativo acc. (Bass): Da sind sie, der Verwüstung Zeichen!
Duett: Er donnert (Bässe)
Arie (Tenor): Die Stimme Gottes

aus
“Die Absicht Gottes in der Offenbahrung seiner Gerichten bey den Einwohneren des Erdkreisses“
von Johann Jackob Zehender, obersten Pfarrer bey dem Münster in Bern (1755)

Recitativo (Tenor): Gewaltige Elemente
Arioso (Sopran:) Ich aber schwinge mich empor
Coro: Es rauscht



“Nach dem Beben”

Auf der Narbenkarte Europas von Hugo Loetscher

Pedro António Avondano (1714-1782)
Ladainha a 4“ (Lauretanische Litanei)

Llora el Sol Villancico von António Marques Lésbio (1639 – 1709)


“Donnerode“ und “Der Tag des Gerichts“
Der Text zur “Donnerode beruht auf Versen von Johann Andreas Kramer und wurde von Christian Gottfried Krause und Karl Wilhelm Ramler eingerichtet. Letzterer schreibt in einem Brief vom 11. 12. 1757: Gestern war ich in der musicalischen Probe einer DonnerOde, die Herr Telemann componirt, und wir beyden, Herr Krause und ich, aus Cramers Psalmen zusammengestoppelt haben. Herr Krause schlug, oder spielte vielmehr, die Paucken dazu. Sie werden noch nicht wissen, dass er auch auf diesem donnernden Instrument ein Virtuose ist. Das Stück ward bey Gelegenheit der Erdbeben verfertigt, und man hat es heute in der Petrikirche als ein Vorspiel zum Te Deum aufgeführt.
Sollte Ramlers Hinweis richtig sein – und es besteht bei der ganzen Anlage des 1. Teils der Donnerode dein Anlass, daran zu zweifeln -, so handelt es sich bei den Hamburger Gottesdiensten des 17. und evtl. 18. Sonntags nach Trinitatis des Jahres 1756 um ein Gedenken an die Opfer dieses ganz Europa bewegenden Ereignisses. Noch im gleichen Jahr übernahm Telemann die Donnerode in seine öffentlichen Konzerte, die er seit seinem Stellenantritt als Direktor des musikalischen Chors und Kantor der Johannei in Hamburg 1722 mit seinem Collegium Musicum veranstaltete.
In manchen Zügen mutet die Donnerode wie eine Vorstudie zum “Tag des Gerichts“ an, vor allem in den Schilderungen und “Mahlereyen“, die er hier reichlich anbrachte. So schreibt Chr. D. Ebeling: Der Tag des Gerichts nach Past. Alers Texte ist eine feyerliche Musik, aber nach Anleitung der Poesie zu sehr mit Mahlereyen überladen. Eben so muss man auch von der sogenannten Donnerode urtheilen, welches eigentlich der 8 und 29 Psalm nach Cramers Uebersetzung ist, eine der erhabensten Compositionen dieses Tonkünstlers, die keinen Fehler hat, als einige zu gewöhnliche Schilderungen des Donners.“
“Der Tag des Gerichts“, ein “Singgedicht in vier Betrachtungen von Herrn Pastor Ahlers“, ist das letzte der grossen Oratorien Telemanns. Die Uraufführung wurde für den 17. März 1762 in dem 1761 neuerbauten prächtigen Konzertsaal “auf dem Kampe“ angekündigt. Es dürfte also 1761 bis Anfang 1762 niedergeschrieben worden sein.

Karneval
Die komische Oper “Guerras de Alecrim e Manjerona“ (Krieg zwischen Rosmarin und Majoran) schrieb António Teixeira für das Teatro do Bairro Alto de Lisboa zum Karneval 1737. Maria Theresia sollte nach dem Erdbeben von Lissabon den Karneval in ganz Österreich verbieten…

Musikerrechte im Lissabon nach 1755
Pedro Avondano gehörte dem Orden Christi an und war in Lissabon königlicher Kammervirtuose. Nach dem Erdbeben spielte er eine bedeutende Rolle bei der Reorganisation der Bruderschaft der heiligen Cäcilie der Musiker. Ihr gehörten fast alle Musiker in Lissabon an. Sie war sowohl in religiöser als auch in musikalischer Hinsicht eine straff geführte Standesorganisation, die die Rechte ihrer Mitglieder schützte. Durch ein königliches Dekret von 1760 erreichte sie, dass zur Mitwirkung bei der Musik in den Gottesdiensten und bei kirchlichen Festen nur Berufsmusiker und Mitglieder der Bruderschaft zugelassen waren.
Avondano scheint sich auch in London aufgehalten zu haben. Seine Menuette sind jedenfalls dort unter dem Titel Book of Minuets composed for and play’d at the British Factory Ball erschienen.

Die lauretanische Litanei entstand im 16. Jahrhundert. Wegen ihrer bildhaften Sprache und Anspielungen hat sie einen stark poetischen Charakter. Ihren Namen verdankt sie dem mittel-italienischen Marien-Wallfahrtsort Loreto. Litaneien - vom griechischen litä, litaneia = Flehgebet Litaneien gehören zum Urbestand religiöser Ausdrucksformen. Eine Litanei ist eine gemeinschaftliche Gebetsform mit wechselnden Anrufungen und gleichbleibenden Antwortrufen. Die Litaneien gehören zu den ältesten und beliebtesten Formen christlichen Betens.

Villancicos wurden zu jener Zeit in Portugal oft auf castellano gesungen. Llora el Sol besingt das Staunen des Menschen gegenüber der Naturgewalt der Schöpfung.
Das Erdbeben von Lissabon 1755
Ensemble TURICUM in Zusammenarbeit mit Hugo Loetscher zu einem aktuellen Thema

Das Beben
Am 1. November 1755, dem Allerheiligentag, wurde Lissabon “aus heiterem Himmel“ von einem grossen Beben heimgesucht. Viele der katholischen Einwohner wurden während des Gottesdienstes unter den Trümmern der ungefähr dreissig Kirchen begraben. Die Stärke des Bebens wird nach der Richterskala mit etwa 8,5 bestimmt. Die Angaben über die Zahl der Todesopfer sind aufgrund der allgemein unbestimmten Einwohnerzahlen und durch die auch damals übliche Sensationsgier sehr unterschiedlich. Sie schwanken zwischen 20 000 und 60 000. Wahrscheinlich sind etwa 30 000 Menschen umgekommen.

Alles ist gut?
Das Beben von Lissabon platzte mitten in ein Jahrhundert hinein, in dem man sich in Sicherheit wiegte. Der technisch-wissenschaftlichen Beherrschung der Natur schien keine Grenze gesetzt zu sein. Die rationale Durchdringung aller Phänomene war das Ziel der Aufklärung. “Keine Wirkung ohne Ursache“.
Auch die Theologie versuchte man auf eine Vernunftbasis zu stellen. Der Philosoph Leibniz versuchte mit seiner “Theodizee“ (1710), Gott gegen alle Angriffe zu verteidigen: Dieser habe die beste aller Welten geschaffen. Das besagt, dass jede noch so kleine Änderung der Schöpfungsordnung, insbesondere die Beseitigung irgendeines Übels, eine Welt ergebe, die jedenfalls schlechter sei als die von Gott geschaffene. Dabei hält Leibniz auch schon eine blosse Verringerung der Mannigfaltigkeit der Geschöpfe für eine Verschlechterung des Kosmos. In einer Welt ohne Pest- oder Aidserreger würde also etwas fehlen, da sie schlechter wäre als die bestehende.
Der Engländer Alexander Pope fasst es im Kernsatz zusammen: “Whatever is, is right.“
Insgesamt waren Literaten wie Ingenieure und Handwerker von einem keineswegs pessimistischen Fortschrittsglauben getragen. Diese positive Weltsicht wurde durch das Erdbeben von Lissabon vollkommen erschüttert.

Voltaire reagiert darauf mit Sarkasmus. In seinem Candide nimmt er die aufklärerische Philosophie von Ursache und Wirkung auf die Schippe. Der Berner Münsterpfarrer Zehender versucht seine gläubige Gemeinde mit blumig barocken Worten zur Andacht zu bewegen.
Hugo Loetscher schliesslich baut eine Brücke zum Heute.




Di 1. und Mi 2. November Kirche St. Peter Zürich

José Maurício Nunes García
Endlich mehr Musik des grossen brasilianischen Mulatten-Komponisten !

Sa 1. Oktober Paris, Cathédrale de Notre-Dame
Di 29. November 2005, Saarbrücken
Sa 3. Dezember Nîmes